„The End of the F***ing World“: Eine der schönsten Überraschungen des letzten Serienjahrs

    Auf der Flucht mit James und Alyssa in schwarzhumoriger Netflix-Serie

    "The End of the F***ing World": Eine der schönsten Überraschungen des letzten Serienjahrs – Auf der Flucht mit James und Alyssa in schwarzhumoriger Netflix-Serie – Bild: Netflix
    Auf der Flucht ins Irgendwo: Alyssa (Jessica Barden) und James (Alex Lawther) in „The End of the F***ing World „

    Um eine der schönsten Überraschungen des Serienjahrs 2018 komplett durchzuschauen, braucht es nicht einmal drei Stunden: Acht Episoden von der Sitcomfolgenlänge à 22 Minuten benötigen die Regisseure Jonathan Entwistle und Lucy Tcherniak, um Charles S. Forsmans gleichnamige Graphic Novel in „The End of the F***ing World“ umzusetzen. Keine Minute davon ist zu viel, keine Sekunde ist langatmig. Die Story über zwei 17-jährige Außenseiter auf der Flucht durch ein fast mythisch wirkendes, in hyperrealen Farben leuchtendes England strotzt nur so von schwarzem Humor und lakonischem Witz, die Freude der Macher an pointierter Gestaltung und das krude Charisma der beiden Hauptdarsteller sorgen für das schönste Stück Roadmovie-Romantik seit Tony Scotts „True Romance“ oder auch David Lynchs „Wild at Heart“. Erst lief die Staffel auf All 4, dem Video-on-Demand-Service des britischen Channel 4, dann, ab letztem Januar, auf Netflix. Wer sie noch nicht kennt, sollte unbedingt mal reinschauen – es dauert, wie gesagt, nicht lang.

    Alex Lawther, den die meisten aus der niederschmetternden „Black Mirror“-Folge „Shut Up And Dance“ kennen dürften, und die hinreißende Jessica Barden, die ihre Karriere als Teenager in „Coronation Street“ startete, haben zwar schon ein paar Jahre mehr auf dem Buckel als die Figuren, die sie hier spielen, doch die verwirrten Teenager James und Alyssa nimmt man ihnen sofort ab: Der mimisch fast regungslose James hält sich selbst für einen Psychopathen, die rebellische Alyssa hasst jeden, der sich einpasst in die Gesellschaft.

    James lebt nach dem Tod seiner Mutter bei seinem wohlmeindenden Vater Phil (Steve Oram), der mit der Erziehung seines Sohnes vollkommen überfordert ist – spätestens, seit James als Kind die Hand in eine Fritteuse tunkte, um endlich mal „was zu fühlen“. Später ging der Junge dazu über, die Haustiere der Nachbarschaft zu morden, inzwischen plant er den nächsten Schritt: den Mord an einem Menschen! Könnte Alyssa das passende Opfer sein? Immerhin ist sie die einzige, die in der Schule überhaupt mit ihm spricht. Auch sie vermisst ein Elternteil – ihr Vater Leslie (Barry Ward, „Jimmy’s Hall“), ein vermeintlich cooler Hund, hat sich schon vor Jahren aus dem Staub gemacht, sie blieb zurück bei der verdrucksten Mutter (Christine Bottomley) und dem übergriffigen Stiefvater (Navin Chowdhry). Wie genau die Serie (und Autorin Charlie Covell, die die Comic-Vorlage adaptierte) auf Details achtet, erkennt man schon an der Erzählform: Sowohl James als auch Alyssa schalten sich immer wieder knapp kommentierend aus dem Off ein, James stets in der Vergangenheitsform, ganz so, als sei er gar nicht anwesend im Hier und Jetzt, Alyssa dagegen konfrontativ im Präsens, ganz so, als sei all das, was vorher war, ohnehin nicht mehr entscheidend.

    James weiß was er will – glaubt er zumindest

    Schon in der Pilotepisode machen sich die beiden Outsider auf den Weg ins Unbestimmte. Das vage Ziel: Alyssas Vater. Phils Auto, das sie dafür entwenden, landet schon nach kurzer Zeit am Baum. Genau verortet ist die Gegend nicht, in der die Erzählung spielt. London gibt es zwar als nicht allzu weit entfernten Fixpunkt, doch welcher (wohl südenglischen) Küste die beiden Teenies da entgegenreisen, wird nicht enthüllt. Die farnbewehrten Wälder, die Wiesen und Wälder, durch die sie kurven, sehen eher aus wie eine Märchenwelt, und die Orte, an die es sie führt, sind Nichtorte: Tankstellen, Imbisse, Kleinstadtläden, kleine Hotels. Sie könnten sich überall befinden. Immer wieder sieht man sie in ort- und zeitlosen Dinern sitzen und Pommes essen. Einmal nimmt sie ein pädophiler Autofahrer ein Stück des Weges mit, belästigt James am Pissoir; mit von ihm erpressten Geld geht es weiter in die Ungewissheit hinein, sie knacken Autos, prellen die Zeche, stehlen. Als sie eine vermeintlich leerstehende Nobelvilla besetzen, werden sie vom heimkehrenden Besitzer, einem Professor mit abgründigem Geheimnis, überrascht. Die Konsequenzen sind blutig, bald sind ihnen zwei lesbische Polizistinnen auf der Spur (Wunmi Mosaku und Gemma Whelan, die Yara Greyjoy aus „Game of Thrones“) in Richtung des verlorenen Vaters. Zur letzten Desillusion ist es da noch längst nicht gekommen. Und sowieso: Könnte in diesem Bonnie-und-Clyde-Set-Up am Ende alles gut werden?

    Die Polizistinnen Teri Darego (Wunmi Mosaku) und Eunice Noon (Gemma Whelan) setzen sich auf die Fährte der Ausreißer

    Man darf einwenden, dass die Serie ein klein wenig zu schwächeln beginnt, wenn es mit dem Psychologisieren losgeht. James’ psychopathische Gefühlskälte, die sich in einer eher theoretisch ausagierten Mordlust äußert, wird mit dem Trauma begründet, dass er als Kind (gespielt von Jack Veal) den Suizid der Mutter mitansehen musste. Als er, ebenfalls eher auf rationaler Ebene, begreift, dass er sich in Alyssa verliebt hat, mithin erstmals eine emotionale Bindung zu einem anderen Menschen spürt und dann auch noch, wie in einer Art umgedrehten Katalysator, tatsächlich einem Menschen das Leben nimmt, verschwindet die Mordlust (anfänglich noch durch blitzschnell dazwischengeschnittene Brutalvisionen visualisiert) schnell ganz aus der Handlung. Vergleichbar wie die Rebellionssucht Alyssas auf das frühe Verlassenwerden durch ihren verantwortlungslosen Vater zurückgeführt: Beide Erklärmodelle leuchten ein, machen die Figuren aber auch ein Stück weit „realer“ und damit weniger interessant, sprich: weniger jener Märchenwelt zugehörig, in die sie eingangs aufbrachen.

    Zum Glück arbeitet die Regie jedem Kitsch konsequent entgegen. Das Timing und die Montage sind von einer so formidablen rhythmischen Tadellosigkeit, dass sie ohne jede Störmomente von einer 20-Minuten-Episode zur nächsten tragen. Die (an Wes Anderson erinnernde) Methode, frontale Schuss-Gegenschuss-Einstellungen zu wählen, die die handelnden Personen in 1:1- oder 2:1-Konstellationen ins Bild rücken und so köstliche Deadpan-Komik aus den reaction shots zu kitzeln, geht bestens auf. Es steckt ohnehin viel von den Klassikern des makabren Humors in dieser Serie, von „Harold und Maude“ etwa, aber auch von den erwähnten Vorbildern. An „True Romance“, basierend auf einem Drehbuch von Quentin Tarantino, erinnert nicht nur das Hawaiihemd, in dem James die zweite Hälfte der Staffel verbringt, sondern der ganze Plot von zwei jungen Liebenden auf der Roadmovie-Flucht. Mit Lynchs „Wild at Heart“ hat die Serie die irritierende Zeitlosigkeit gemein und die Fifties- bis Sixties-Songs auf der Tonspur (darunter Ricky Nelsons Schmachtfetzen „Lonesome Town“, der schon in Tarantinos „Pulp Fiction“ seine Wirkung nicht verfehlte). Sogar Leslies Lebensmotto („To be mad in a deranged world is not madness, it’s sanity!“) gemahnt an den Stoßseufzer „The whole world is wild at heart and weird on top“ aus Lynchs Klassiker.

    Äußere Umstände zwwingen Alyssa und James einen Kostümwechsel auf

    Die folkige Originalmusik komponierte übrigens Blur-Gitarrist Graham Coxon. Neben einigen sehr schönen Songs sind auch ein paar cool-jazzige Einlagen dabei, die nicht von ungefähr an Angelo Badalamentis „Twin Peaks“-Soundtracks erinnern. Es gibt ganze Sequenzen – wie etwa ein aus dem Ruder laufendes Intermezzo an einer Tankstelle -, die durch die Untermalung mit nervösem Schlagzeug-Geshuffle so auch in einer Lynch-Produktion vorkommen könnten. Zu diesen Einflüssen – Tarantino, Lynch und dem Roadmovie als Genre – passt die Parade wunderbarer Schauspieler in Klein- bis Kleinstrollen mit sehr prägnanten Auftritten. Stellvertretend für viele andere erwähnt seien hier Leon Annor („Will“) als freundlicher Ladendetektiv, Kierston Wareing („Fish Tank“) als frustrierte Ex von Alyssas Vater, Felicity Montagu („Nighty Night“) als Tankstellen-Matrone oder Emma Appleton („Clique“), die eine Mitschülern spielt, die Alyssa eine Whatsapp-Nachricht schickt, obwohl sie mit ihr gerade am Tisch sitzt – woraufhin Alyssa vor Wut ihr eigenes Smartphone zerdeppert! Das stellt heutzutage bekanntermaßen die wirkungsvollste Form von Rebellion dar und raubt den folgenden Geschehnissen passenderweise ein naheliegendes Kommunikationsmittel. Telefoniert wird dann nur noch in der Telefonzelle.

    Bleibt noch zu klären, ob „The End of the F***ing World“ überhaupt eine Serie ist, zumindest jenen Maßstäben gemäß, die derzeit an diesen Begriff angelegt werden. Tja. Die Handlung bleibt auf die beiden Protagonisten und ihre Perspektive konzentriert, Abzweigungen gibt es keine, und nach 160 Minuten ist Feierabend. Klar, das hätte auch einen klugen Indie-Kinofilm ergeben können. Als Serienstaffel angelegt aber besteht (nach dem überraschenden Erfolg bei Publikum und Kritik) fast schon ein Zwang zur Fortsetzung – die inzwischen bestätigt wurde. Die letzte Einstellung der ersten Staffel ist mutig und bleibt angemessen ambivalent; man hätte es fraglos dabei belassen können. Autorin Covell, den Regisseuren und ihren Darstellern ist es aber unbedingt zuzutrauen, dass sie, wenn sie in einer zweiten Staffel über die Comicvorlage hinauszugehen haben, trotzdem jede Menge Interessantes zu erzählen haben werden.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der kompletten ersten Staffel von „The End of the F***ing World“.

    Meine Wertung: 4,5/5


    © Alle Bilder: Netflix

    Die Auftaktstaffel von „The End of the F***ing World“ findet sich in Deutschland im Angebot von Netflix.

    Trailer zu „The End of the F***ing World“

    16.01.2019, 18:00 Uhr – Gian-Philip Andreas/cikm2013.org

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas
    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für cikm2013.org rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 ("Lonely Souls") ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 ("Pine Barrens"), The Simpsons S08E23 ("Homer's Enemy"), Mad Men S04E07 ("The Suitcase"), My So-Called Life S01E11 ("Life of Brian") und selbstredend Lindenstraße 507 ("Laufpass").

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

      weitere Meldungen

      HD Best F(r)iends: Volume 2 | Bones (feat. OneRepublic) | Heavy Fire Afghanistan 2012 ENG Repack Black Box