„Der Pass“: Feines Frösteln mit Julia Jentsch

    Der deutsch-österreichische „Die Brücke“-Ableger hochspannend und brillant in Szene gesetzt

    "Der Pass": Feines Frösteln mit Julia Jentsch – Der deutsch-österreichische "Die Brücke"-Ableger hochspannend und brillant in Szene gesetzt – Bild: Sky Deutschland/Sammy Hart
    „Der Pass“ mit Nicholas Ofczarek und Julia Jentsch

    Der Oberkörper liegt in Österreich, die Beine in Deutschland: Hoch droben auf einem verschneiten Gebirgspass wird eine Leiche gefunden, genau auf einem Grenzstein. „Der aane kriegt den Kopf, der andre den Oasch“, kommentiert das der widerwillig herangekarrte Inspektor Gedeon Winter, dessen Nachname nicht nur die Spielzeit der Handlung, sondern auch seine niedrigtemperierte Lebenseinstellung und vielleicht auch seine Sicht auf die Welt widerspiegelt, die dem Zuschauer aus dieser neuen Sky-Deutschland-Produktion entgegenfröstelt. Die bayrische Beamtin Ellie Stocker, die dem fetthaarig-korpulenten Österreicher da in roter Funktionsjacke übermotiviert entgegentritt, blond und zierlich und freundlich, ist sein genaues Gegenteil. Beide werden zusammenarbeiten müssen in den kommenden Wochen.

    Grenzüberschreitene Ermittler sind in Krimiserien kein originelles Ding mehr, von den seligen „Eurocops“ bis zu den „Toten vom Bodensee“ und vergleichbaren Produktionen sie ein ideales Vehikel, um beim Abhandeln mehr oder weniger komplizierter Fälle halbsatirische Seitenblicke werfen zu können auf die Eigenheiten der Nachbarkommissare. Dabei haben sich diverse liebgewonnene Klischees etabliert, die dem normalen Fernsehkrimigucker zur behaglichen Heimstatt geworden sind. Auf eine neue Stufe – und aus dem Gemütlichen heraus – gehoben hat dieses Prinzip die Serie „Die Brücke – Transit in den Tod“ um die grenzautistische Polizistin Saga Norén aus dem schwedischen Malmö und ihre dänische Kollegen jenseits der Öresundbrücke. Die inzwischen vier sehenswerten Staffeln schlugen derart ein, dass es inzwischen diverse Franchise-Ableger in anderen Ländern gab und gibt. Die US-Version „The Bridge“ aus dem Grenzgebiet zu Mexiko ist ebenso schon wieder eingestellt worden wie die britisch-französische Variante über den „Eurotunnel“. Und nach einer russisch-estnischen sowie einer malaysisch-singapurischen Ausgabe folgt nun die austro-deutsche: im Grenzgebiet zwischen Berchtesgaden und Salzburger Land. Eine öde Kopie muss man zum Glück nicht erwarten. Jenseits der Grundkonstanten, also den gegensätzlichen Ermittlern, dem länderüberschreitenden Fall und einem weltverbesserungsbewegten Mörder, bewegt sich „Der Pass“ in erfreulich eigenständigen Bahnen.

    Die eingangs erwähnte Leiche wird in gebückter Haltung vorgefunden. Sie hat Messerstiche im Hals, Rohypnol im Blut und einen Pferderschweif in der Hand, wurde offensichtlich gezielt auf die Grenzsteinposition transportiert. Es stellt sich heraus, dass der Tote ein bulgarischer Schlepper war, der für den grausigen Tod von Geflüchteten verantwortlich war. Bald schon gibt es weitere derart hindrapierte Opfer. Es tauchen Audio-Aufnahmen des Mörders auf, der das Herannahen eines „roten Zeitalters“ erwartet und offenbar so etwas wie eine moralische Tiefenreinigung der Menschheit anstrebt. Eine zufällig Überlebende – die spanische Geliebte eines korrupten Unternehmers – beschreibt den Mörder als maskierte, gehörnte Schreckensgestalt im Fellmantel. Er sieht aus wie der Krampus, jene ost-alpine Variation von Knecht Ruprecht, der in der regionalen Mythologie wie ein strafseliger Sidekick mit dem Nikolaus durch die verschneiten Täler zieht. Die weihnachtliche Gruppe aus Nikolaus, Krampus und Engeln nennt man dort auch, horch horch, „Pass“. Wer der narzisstisch gestörte, aufmerksamkeitssüchtige Mörder ist, differenziert gespielt von Franz Hartwig, erfährt der Zuschauer übrigens sehr früh – „Der Pass“ präsentiert sich keineswegs als Whodunit-Krimi, sondern als klar am „Schweigen der Lämmer“ geschulter Psychothriller, in dem das Katz-und-Maus-Spiel mit den Ermittlern und deren Beziehung untereinander im Vordergrund stehen.

    Gedeon Winter (Nicholas Ofczarek) verfolgen seine Dämonen.

    Besonders der Wiener Theaterstar Nicholas Ofczarek („Wir Staatskünstler“, „Braunschlag“), der als Gangster in der Europol-Serie „The Team“ bereits mit grenzüberschreitenden Ermittlungen Bekanntschaft machte, kann sich hier ausgiebig profilieren: Einen derart fertigen Kommissar wie Gedeon Winter, ein drogensüchtiger Alkoholiker, aus den Fugen und verlottert, traumatisiert, asozial und mit der Wiener Unterwelt derart verbandelt, dass man ihn nach Salzburg versetzte, hat man im deutschsprachigen Fernsehen selten gesehen. Selbst Josef Haders Privatdetektiv Brenner wirkt dagegen wie ein braver Schwiegersohn. Auch wenn bald klar ist, dass Winter sich im Laufe der von ihm erst mit größtmöglicher Unwilligkeit mitbetriebenen Ermittlungen ein wenig von der eigenen Kaputtheit emanzipieren wird, hinterlässt dieser Berg von Mann im „Hurentreiber“-Mantel, der gern traurige Chansons von Wolfgang Ambros hört, einen schrecklich-schön dunkel-charismatischen Eindruck.

    Julia Jentsch („Sophie Scholl – Die letzten Tage“, „Die fetten Jahre sind vorbei“, „24 Wochen“) hat es als Ellie Stocker eingangs dementsprechend schwer, Ofczarek etwas entgegenzusetzen – doch auch ihre Figur ziehen berufliche Rückschläge, private Missgriffe und das allgemein Entsetzliche des zu bearbeitenden Falls, der doch der erste „große“ Fall dieser ehrgeizigen Jägerstochter sein sollte, dankenswerterweise bald in eine andere Richtung.

    Der Mörder tötet mit schockierender Grausamkeit. Tote Opfer setzt er spektakulär in Szene.

    Der grantige, bräsige Ösi mit den „Bist du deppert?“-Sprüchen auf den Lippen, im Clinch mit der eifrigen deutschen Zwangskollegin – das ist natürlich ebensowenig wirklich neu wie der Fall selbst, der gängige Krimi- und Psychothriller-Motive aufgreift und mit zeitdiagnostischen Themen anreichert, von der Flüchtlingskrise zum Rechtspopulismus, von den Oberflächlichkeiten des Internet-Influencertums zum reißerischen Tun der Presse. Es gibt falsche Fährten hin zu einem unheimlichen Weltuntergangspropheten (Lukas Miko), der fanatische Jünger und viele Kinder um sich schart, es gibt eine Affäre Ellies mit ihrem Chef Wallinger (Hanno Koffler, „Freier Fall“), einen eigens angeheuerten Profiler mit Vorliebe für grünen Tee (Martin Feifel, „Was tun, wenn’s brennt?“), die migrantische Hilfsköchin der Passgaststätte (Natasha Petrovic), die in Gefahr gerät, und einen Münchner Journalisten (Lucas Gregorowicz, „SS-GB“), der sich ungut einmischt in den Fall. So ähnlich kennt diese Figuren jeder Krimi-Fan aus anderen Produktionen.

    Was „Der Pass“ aber abhebt von der Masse ist die herausragende Inszenierung, besorgt von den Autoren Cyrill Boss und Philipp Stennert höchstselbst. Das eingespielte Kreativduo („Die Dasslers“) packt die Geschichte in eine derart frostige Atmosphäre, dass man immer wieder an eine Winterversion von „True Detective“ denken muss. Die klaren, tollen Bilder von Kamera-Chef Philip Peschlow, angereichert mit erhabenen Fahrten über die Wipfel, Gipfel und Schneefelder der Alpentäler, mit abgründigen Bildern von magischen Bäumen, Wölfen, krächzenden Raben, flirrenden Stromautobahnen und Pistenräumfahrzeugen in der Nacht, tragen ebenso dazu bei wie das exzellente Sounddesign, das im Zusammenspiel mit der dräuenden, unheilvollen Musik von Jacob Shea (dessen Lehrer Hans Zimmer den Soundtrack produzierte) mal wieder eindrucksvoll unter Beweis stellt, wie essenziell eine intensive klangliche Gestaltung dafür ist, den Zuschauer ins Geschehen hineinzuziehen. Dass Zimmers „Inception Sound“ (auch als BRAAAM bekannt) dabei als waberndes Untergeräusch eine wichtige Rolle spielt, passt: Mit guten Kopfhörern oder wirkmächtigem Subwoofer jagt’s einem kalte Schauer den Rücken runter. Die Grundstimmung einer gesamtgesellschaftlichen Vergletscherung überträgt sich jedenfalls sehr schnell.

    Sebastian Brunner (Lukas Miko) führt eine sonderbare Sekte an, die in der Abgeschiedenheit der Wälder lebt.

    Dass einige Dialoge etwas hölzern wirken – geschenkt, in der Regel liegt das auch an der in deutschen Produktionen offenbar unvermeidlichen Angewohnheit, die meisten Außenszenen nachzusynchronisieren. Davon abgesehen aber überzeugt auch die Erzählweise. Wenn Szenen oder ganze Sequenzen hintereinander aus wechselnden Perspektiven beleuchtet werden, ist dies nie bloßer Selbstzweck oder narratives Gimmick, stattdessen hilft es ungemein dabei, die Charaktere mit ihren unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen zu beleuchten. Auch dabei beeindruckt die flüssige Montage in Bild und Audio: Es ist erfreulich viel Sorgfalt in die ästhetische Gestaltung dieser für eine Pay-TV-Produktion angemessen langsam voranschreitenden Serie geflossen. An der skandinavischen Vorlage kann sie sich locker messen lassen.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten drei Episoden von „Der Pass“.

    Meine Wertung: 4/5


    © Alle Bilder:

    „Der Pass“ wird ab Freitag, 25. Januar 2019, ab 20.15 Uhr von Sky 1 ausgestrahlt, wobei wöchentlich Doppelfolgen gezeigt werden. Am Starttag wird die komplette, achtteilige Staffel auch über Skys Digitalkanäle on-Demand veröffentlicht.

    Kurztrailer zu „Der Pass“

    Der Pass – Vorstellung Kommissarin Ellie Stocker

    Der Pass – Vorstellung Kommissar Gedeon Winter

    25.01.2019, 16:46 Uhr – Gian-Philip Andreas/cikm2013.org

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas
    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für cikm2013.org rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 ("Lonely Souls") ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 ("Pine Barrens"), The Simpsons S08E23 ("Homer's Enemy"), Mad Men S04E07 ("The Suitcase"), My So-Called Life S01E11 ("Life of Brian") und selbstredend Lindenstraße 507 ("Laufpass").

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • Elcheline am 04.02.2019 17:44

      Leider nicht meins.. Wie alle anderen serien von sky. Ich habe immer das gefühl das ich was nicht verstehe. Dann sind 30 sekunden spannung und dann nur noch dialoge die ich manchmal nicht verstehe. Ich wünsche der serie aberviel erfolg.
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      • Sentinel2003 (geb. 1967) am 30.01.2019 21:26

        Ich kann psterreichischen, nicht verstehbaren Akzent in deutschen Filmen NICHT ab, wenn man da null was versteht!!

        Außerdem ist für mich weiterhin das ORIGINAL, daß jetzt als zum zigsten male ein Reboot bekommen hat: "Die Brücke - Transit in den Tod" mit Sofia Helin NICHT zu toppen!!
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        • eumel am 28.01.2019 09:11

          Leider nicht meins! Viel Düsterkeit, rituelle Morde, drogenabhängige Polizisten, österreichisches Genuschel und eine große Packung Klischees haben mich über die erste Folge nicht hinausschauen lassen.
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          • ragner65 (geb. 1965) am 27.01.2019 15:37

            Kann obige Bewertung von Gian-Philip nur beipflichten. Endlich kommen aus deutschen und österreichischen Landen wirklich gute und unterhaltsame Serien. z.b.auch: Das Boot, Babylon Berlin, The Dark....
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            • Werner111 am 25.01.2019 18:04 via tvforen.de

              Da freu ich mich schon drauf. Sicher wieder eine Paraderolle für den großartigen Charakterdarsteller Nicolas Ofcarek.

              heute geht's los....
              • anhalt1 am 03.02.2019 13:13 via tvforen.de

                habe jetzt die erste Folge gesehen und ich fand es richtig gut.

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